Süchte überwinden – ein emanzipatorischer Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung
Süchte überwinden bedeutet für den Verein für Naturheilkunde in Koblenz e. V. nicht, einen Menschen einer vorgegebenen Behandlungsideologie zu unterwerfen. Wir behandeln Menschen, keine Krankheiten. Der Mensch ist niemals nur Alkoholiker, Raucher, Spieler oder Drogenabhängiger. Er besitzt eine persönliche Geschichte, eigene Werte, Fähigkeiten, Beziehungen, Interessen und Vorstellungen davon, wie er künftig leben möchte. Auch wenn er in einem bestimmten Bereich seines Lebens abhängig geworden ist, bleibt er ein lernfähiger und entwicklungsfähiger Mensch, der grundsätzlich dazu in der Lage ist, seine Situation zu verstehen, Entscheidungen zu treffen und sein Leben neu zu gestalten.
Ausgangspunkt unseres Denkens ist eine positive Anthropologie. Der Mensch ist nicht dazu geboren, sich einer Droge, einem zwanghaften Verhalten oder einem Therapiekonzept zu unterwerfen. Er ist dazu geboren, selbstständig zu werden, Freiheit zu entwickeln, Erfahrungen zu sammeln, aus Fehlern zu lernen und an seinen Aufgaben zu wachsen. Eine sinnvolle Suchtbehandlung darf ihm diese Verantwortung nicht abnehmen. Sie soll ihm helfen, seine bereits vorhandenen Fähigkeiten wiederzuentdecken, innere Kräfte zu entwickeln und sie dort einzusetzen, wo sein bisheriges Verhalten seine Freiheit zunehmend eingeschränkt hat.
Der Süchtige muss deshalb nicht erst vollständig zusammenbrechen, bevor eine Veränderung möglich wird. Er zahlt den Preis seines Verhaltens schon lange vor einem sogenannten Tiefpunkt. Dieser Preis kann aus verlorener Zeit, finanziellen Belastungen, gesundheitlichen Schäden, beschädigten Beziehungen, eingeschränkter Leistungsfähigkeit, innerer Unruhe oder einem zunehmenden Verlust persönlicher Freiheit bestehen. Suchtbehandlung kann an jedem Punkt dieser Entwicklung beginnen. Entscheidend ist nicht, wie tief ein Mensch bereits gefallen ist, sondern ob er bereit ist, seine gegenwärtige Entwicklung wahrzunehmen und daraus Schlüsse für seine Zukunft zu ziehen.
Das Gehirn des Süchtigen als Blackbox und Widerspruchscontainer
Über das menschliche Gehirn besitzen wir zahlreiche Detailkenntnisse, ohne seine Funktionsweise im Ganzen befriedigend erklären zu können. Deshalb betrachten wir es zunächst als Blackbox. Wir beobachten, welche Erfahrungen und Reize auf einen Menschen einwirken, wie er sich verhält und welche Folgen dieses Verhalten hervorbringt. Wir müssen nicht vorgeben, jeden inneren neuronalen Vorgang erklären zu können, um erkennbare psychologische Strukturen zu beschreiben. Von außen sehen wir beispielsweise, dass ein Mensch die schädlichen Folgen seines Verhaltens durchaus kennt und dennoch an diesem Verhalten festhält.
Die psychologische Grundeinheit des Menschen ist der Konflikt. Das Gehirn kann unterschiedliche, sogar widersprüchliche Bewertungen gleichzeitig enthalten. Ein Alkoholabhängiger kann wissen, dass ihm der Alkohol schadet, und sich dennoch auf das nächste Glas freuen. Ein Spieler kann verstehen, dass die Spielothek von den Verlusten ihrer Besucher lebt, und trotzdem hoffen, gerade er werde mit einem Gewinn nach Hause gehen. Ein Raucher kann seine gesundheitlichen Risiken kennen und zugleich die nächste Zigarette als Entspannung erwarten. Das vorhandene Wissen verschwindet nicht. Es verliert jedoch im entscheidenden Augenblick seine handlungsbestimmende Kraft.
Deshalb sprechen wir nicht von einer geheimnisvollen Wesenheit namens Sucht, die den Menschen beherrscht. Es gibt keine handelnde Sucht, die Entscheidungen trifft, Vernunft ausschaltet oder den Menschen verführt. Es gibt das Gehirn eines Menschen, in dem verschiedene Erfahrungen, Erwartungen, Bedürfnisse und Bewertungen miteinander in Konflikt stehen. Der Süchtige bleibt das Subjekt seines Erlebens und Handelns. Gerade deshalb kann er lernen, diesen Konflikt wahrzunehmen, neu zu bewerten und schließlich anders zu entscheiden.
Der Konflikt zwischen Realitätsprinzip und Hoffnungsprinzip
Im Gehirn des Süchtigen lässt sich ein grundlegender Konflikt zwischen Realitätsprinzip und Hoffnungsprinzip beobachten. Das Realitätsprinzip berücksichtigt die tatsächlichen Bedingungen, die bisherigen Erfahrungen und die absehbaren Folgen des eigenen Handelns. Das Hoffnungsprinzip richtet sich dagegen auf eine erwartete Belohnung: Der nächste Gewinn könnte alle Verluste ausgleichen, das nächste Glas könnte endlich die ersehnte Entspannung bringen oder der nächste Konsum könnte noch einmal genau das Gefühl erzeugen, das der Mensch sucht. Beide Prinzipien können gleichzeitig vorhanden sein, aber nicht beide bestimmen im selben Augenblick das Verhalten.
Der Spieler liefert dafür ein besonders deutliches Beispiel. Ihm muss grundsätzlich klar sein, dass eine Spielothek mit Personal, Miete, Stromkosten und teuren Automaten nicht dafür eingerichtet wurde, ihre Besucher reicher nach Hause zu schicken. Das gesamte Geschäftsmodell kann nur funktionieren, wenn die Spieler insgesamt mehr Geld verlieren, als sie gewinnen. Trotzdem hofft der einzelne Spieler, ausgerechnet er könne in diesem auf seinen Verlust angelegten System dauerhaft Geld verdienen. Der Verstand erkennt die Regel, während die Hoffnung die persönliche Ausnahme erwartet.
Das Realitätsprinzip kann verdrängt, aufgeschoben oder in einem begrenzten Lebensbereich unwirksam gemacht werden. Es kann aber nicht abgeschafft werden. Irgendwann setzt die äußere Wirklichkeit eine Grenze. Der Spieler besitzt kein Geld mehr, der Körper verträgt den Konsum nicht mehr, Beziehungen zerbrechen oder der Alltag lässt sich nicht länger aufrechterhalten. Die entscheidende Aufgabe besteht deshalb darin, das Realitätsprinzip wieder wirksam werden zu lassen, bevor die Realität ihre Grenze durch den größtmöglichen Schaden erzwingt.
Suchtbehandlung muss den Menschen nicht erst durch einen vollständigen Zusammenbruch von der Wirklichkeit überzeugen. Sie kann seine Fähigkeit nutzen, aus der Gegenwart auf die Zukunft zu schließen. Der Mensch kann eine erkennbare Entwicklung gedanklich fortsetzen und sich fragen: Wenn ich so weitermache wie bisher, wo werde ich in einem Jahr, in fünf Jahren oder am Ende meines Lebens stehen? Nicht der Tiefpunkt ermöglicht die Veränderung, sondern die menschliche Fähigkeit, ihn vorauszusehen und rechtzeitig eine andere Richtung einzuschlagen.
Sucht als künstliche Belohnung ohne entsprechenden Verdienst
Menschen erleben Freude und Befriedigung häufig als Ergebnis einer vorausgegangenen Leistung. Wer einen Berg besteigt, muss sich anstrengen, Schwierigkeiten überwinden und den gesamten Weg zurücklegen, bevor er den Gipfel erreicht. Das Glücksgefühl auf dem Gipfel ist an eine wirkliche Leistung gebunden. Es kann nicht beliebig oft und ohne Aufwand abgerufen werden. Gerade diese Verbindung zwischen Anstrengung, Begrenzung und Belohnung schützt den Menschen davor, das Gipfelgefühl auf Knopfdruck und in ständig wachsender Dosis zu verlangen.
Beim Suchtmittel oder Suchtverhalten wird die Belohnung dagegen künstlich verkürzt. Die erwartete Wirkung soll eintreten, ohne dass zuvor eine entsprechende Leistung erbracht werden muss. Der Spieler will Geld gewinnen, ohne den wirtschaftlichen Gegenwert dieses Geldes zu erarbeiten. Sein eingesetztes Geld ist dabei keine Leistung, durch die er den Gewinn verdient. Es ist lediglich das Mittel, mit dem er einen größeren Gewinn auslösen möchte. Der Alkohol, die Droge oder ein anderes Suchtmittel versprechen ebenfalls eine unmittelbare Veränderung des Erlebens, ohne dass der zugrunde liegende Konflikt gelöst oder eine Fähigkeit entwickelt werden muss.
Diese Belohnung bleibt jedoch nicht kostenlos. Das Realitätsprinzip fordert seinen Preis, auch wenn der Süchtige ihn zunächst nicht anerkennen möchte. Der Preis kann zeitlich verzögert auftreten und dadurch weniger sichtbar erscheinen als die unmittelbare Belohnung. Er wird dennoch bezahlt: mit Geld, Gesundheit, Zeit, Aufmerksamkeit, Beziehungen, Lebenskraft oder verlorenen Möglichkeiten. Die Belohnung erscheint sofort, während die Rechnung später eintrifft. Dadurch kann im Gehirn der Eindruck entstehen, die Belohnung sei kostenlos gewesen, obwohl ihr tatsächlicher Preis nur in die Zukunft verschoben wurde.
Das unerbittliche Realitätsprinzip setzt jedem Begehren Grenzen
Das Realitätsprinzip ist unerbittlich, weil die Wirklichkeit sich nicht durch Wünsche, Protest oder Hoffnung zur Aufgabe ihrer Grenzen bewegen lässt. Ein Kind kann in einem Spielzeugladen vieles sehen, was es gerne besitzen möchte. Es kann bitten, weinen, quengeln oder versuchen, seine Eltern unter Druck zu setzen. Trotzdem wird es nicht alles bekommen. Selbst die nachgiebigsten Eltern verfügen weder über unbegrenztes Geld noch über unbegrenzten Platz. Das Kind erfährt dadurch eine grundlegende Wahrheit des Lebens: Ein Wunsch zwingt die Wirklichkeit nicht dazu, ihn zu erfüllen.
Dasselbe gilt für den Erwachsenen im Supermarkt. Der Warenbestand des gesamten Supermarkts passt nicht in einen Einkaufswagen. Selbst wenn ein Mensch alles kaufen wollte und genug Geld besäße, könnte er nicht alle Waren transportieren, lagern und verbrauchen. Sein Einkaufswagen ist begrenzt, sein Haus ist begrenzt, sein Körper ist begrenzt und seine Lebenszeit ist begrenzt. Der Mensch lebt in einer Welt, die ihm mehr Möglichkeiten anbietet, als er jemals verwirklichen kann. Deshalb muss er auswählen.
Besonders anschaulich wird diese Grenze beim Beispiel eines Menschen, der 750.000 Bücher besaß und sein Haus immer weiter mit Regalen ausstattete. Selbst eine solche ungeheure Sammlung blieb nur ein kleiner Teil aller Bücher. Hätte er sein Sammeln unbegrenzt fortgesetzt, hätten nach und nach Möbel, Wohnräume und schließlich die Bewohnbarkeit des Hauses den Büchern weichen müssen. Am Ende hätte er die Eingangstür geöffnet und wäre vor der ersten Bücherwand gestanden. Das Haus wäre kein Lebensraum mehr gewesen, sondern nur noch ein Behälter für ein Begehren, das niemals vollständig erfüllt werden konnte.
Dieses Beispiel zeigt eine allgemeine Struktur: Wo das Realitätsprinzip in einem Teilbereich seine begrenzende Wirkung verliert, wird das Begehren nicht endgültig befriedigt. Stattdessen werden immer größere Teile des übrigen Lebens geopfert, um es weiterzuverfolgen. Das Opfer wächst, während das Ziel unerreichbar bleibt. Eine zentrale Frage für jeden Menschen mit abhängigem Verhalten lautet deshalb: Wie viel von meinem übrigen Leben will ich diesem prinzipiell unabschließbaren Begehren noch überlassen?
Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit zum Verzicht
Die Verzichtsfähigkeit entsteht als unmittelbare Folge des Realitätsprinzips. Das Kind lernt nicht deshalb zu verzichten, weil Verzicht an sich besonders schön wäre. Es lernt zu verzichten, weil es nicht alles bekommen kann. Die Wirklichkeit setzt Grenzen, und der Mensch entwickelt die Fähigkeit, mit diesen Grenzen zu leben. Er lernt, einen Wunsch wahrzunehmen, seine Nichterfüllung auszuhalten, zwischen verschiedenen Möglichkeiten auszuwählen und etwas zurückzulassen, obwohl er es grundsätzlich gerne besitzen oder erleben würde.
Jeder normale Einkauf beweist, dass der erwachsene Mensch diese Fähigkeit besitzt. Er geht durch einen Supermarkt, sieht Hunderte oder Tausende Waren und legt nur einen kleinen Teil davon in seinen Einkaufswagen. Er verzichtet fortwährend, ohne diesen Vorgang ständig als schmerzhaftes Opfer zu erleben. Er entscheidet nach Bedarf, Geld, Geschmack, Gesundheit, Platz und persönlichen Prioritäten. Verzicht bedeutet deshalb nicht, keine Wünsche mehr zu haben. Verzicht bedeutet, dass ein Wunsch nicht automatisch zum Befehl wird.
Beim Süchtigen fehlt die Verzichtsfähigkeit nicht allgemein. Ein Spieler verzichtet auf zahllose Dinge, ein Raucher kauft nicht den gesamten Supermarkt leer und ein Alkoholabhängiger kann in vielen Lebensbereichen vernünftige Grenzen einhalten. Das Problem ist eine partielle Unfähigkeit zum Verzicht gegenüber einem bestimmten Stoff oder Verhalten. Eine grundsätzlich vorhandene menschliche Fähigkeit verliert in einem begrenzten Gegenstandsbereich ihre handlungssteuernde Wirkung.
Suchtbehandlung muss dem Menschen daher keine vollkommen neue Fähigkeit einpflanzen. Sie muss ihm helfen, seine bereits vorhandene Verzichtsfähigkeit auf den problematischen Lebensbereich zu übertragen und dort zu stärken. Der Mensch kann lernen, ein Verlangen wahrzunehmen, ohne ihm sofort folgen zu müssen. In dieser Fähigkeit liegt keine Selbstkasteiung, sondern Freiheit: Der Mensch entscheidet wieder selbst, welchem Wunsch er folgt und welchen Wunsch er zugunsten wichtigerer Lebensziele zurückweist.
Die bisherigen Verluste erkennen und als Realität annehmen
Ein erster Schritt auf dem Weg aus einer Abhängigkeit besteht darin, die bisherigen Verluste anzuerkennen. Der Mensch darf sich nichts vormachen, muss sich aber ebenso wenig beschimpfen oder moralisch verurteilen. Es geht um eine nüchterne Bestandsaufnahme: Wie viel Geld, Zeit, Gesundheit, Leistungsfähigkeit oder persönliche Freiheit hat mich mein bisheriges Verhalten gekostet? Welche Beziehungen wurden belastet? Welche Möglichkeiten konnte ich nicht nutzen, weil ein wachsender Teil meines Lebens um das Suchtmittel oder Suchtverhalten organisiert war?
Die kontrafaktische Betrachtung der Vergangenheit kann diese Verluste sichtbar machen. Der Mensch fragt sich: Wo würde ich heute stehen, wenn ich damals nicht begonnen oder früher aufgehört hätte? Diese Frage verändert die Vergangenheit nicht. Sie zeigt aber, welchen Verlauf das eigene Leben ohne die fortgesetzte Abhängigkeit möglicherweise genommen hätte. Neben den unmittelbar sichtbaren Schäden treten dadurch auch die verlorenen Möglichkeiten hervor.
Die Anerkennung der Vergangenheit enthält eine schmerzhafte, aber befreiende Wahrheit: Was verloren ist, ist verloren. Der Spieler kann seine bisherigen Verluste nicht dadurch ungeschehen machen, dass er weiteres Geld einsetzt. Der Sammler gewinnt seinen geopferten Lebensraum nicht dadurch zurück, dass er ein weiteres Regal aufstellt. Der Süchtige kann den bisher gezahlten Preis nicht zurückholen, indem er denselben Weg fortsetzt. Er kann aber verhindern, dass zu den bisherigen Verlusten immer neue hinzukommen.
Diese Anerkennung ist keine Kapitulation. Sie trennt die unveränderliche Vergangenheit von der noch gestaltbaren Zukunft. Der Mensch muss nicht so tun, als sei nichts geschehen. Er kann sagen: Diesen Preis habe ich bezahlt, diese Erfahrung gehört zu meinem Leben, und heute entscheide ich, ob ich ihn weiterhin zahlen will. Damit wird das Realitätsprinzip nicht zum Instrument der Verurteilung, sondern zur Grundlage einer neuen Freiheit.
Die mögliche Zukunft erkennen, bevor sie zur unveränderlichen Realität wird
Der Mensch besitzt die Fähigkeit, gegenwärtige Entwicklungen gedanklich fortzusetzen. Er muss nicht jedes mögliche Unglück tatsächlich erleben, um seine Wahrscheinlichkeit zu erkennen. Wenn ein Verhalten bereits heute Geld, Gesundheit, Zeit oder Beziehungen kostet, kann er sich vorstellen, wie sein Leben aussehen wird, wenn sich dieser Verlauf über Jahre fortsetzt. Diese Fähigkeit zur Voraussicht gehört zu den stärksten Kräften, die in einer Suchtbehandlung genutzt werden können.
Dabei geht es nicht um künstliche Drohbilder oder die Behauptung, jede mögliche Katastrophe werde zwangsläufig eintreten. Es geht darum, die erkennbare Richtung ernst zu nehmen. Der Spieler kann verstehen, dass sein verfügbares Geld endlich ist. Der Sammler kann ausrechnen, dass sein Wohnraum nicht mit der Zahl seiner möglichen Erwerbungen wächst. Der Konsument kann beobachten, welche Auswirkungen sein Verhalten bereits heute besitzt. Die Zukunft ist nicht vollständig vorhersehbar, aber sie entsteht auch nicht unabhängig von den Entscheidungen der Gegenwart.
Die Vorstellung einer möglichen Zukunft bringt das Realitätsprinzip in den gegenwärtigen Konflikt hinein. Der kurzfristigen Hoffnung auf Belohnung steht dann nicht nur eine abstrakte Warnung gegenüber, sondern ein konkretes Bild des Lebens, das aus der Fortsetzung entstehen könnte. Zugleich kann der Mensch eine alternative Zukunft entwickeln: Wie möchte ich stattdessen leben? Was könnte ich mit meiner Zeit, meinem Geld, meiner Kraft und meiner Aufmerksamkeit beginnen, wenn sie nicht länger von der Abhängigkeit beansprucht würden?
Eine positive Suchtbehandlung bleibt deshalb nicht bei der Vermeidung von Schäden stehen. Sie hilft dem Menschen, eine Zukunft zu entwerfen, für die sich der Verzicht lohnt. Wer lediglich etwas aufgibt, erlebt möglicherweise nur einen Verlust. Wer dagegen erkennt, welche Freiheit, Entwicklung und Lebensmöglichkeiten er dadurch gewinnt, kann den Verzicht als bewusste Entscheidung für ein größeres Ziel verstehen.
Der Süchtige entscheidet selbst über sein zukünftiges Leben
Das Grundprinzip einer emanzipatorischen Suchtbehandlung lautet: Der Süchtige ist derjenige, der sein zukünftiges Leben gestalten muss. Kein Therapeut, keine Selbsthilfegruppe und keine Institution kann diese Aufgabe für ihn übernehmen. Unterstützung kann Zusammenhänge sichtbar machen, Widersprüche herausarbeiten, Informationen vermitteln und bei der Entwicklung neuer Fähigkeiten helfen. Die Entscheidung über das eigene Leben bleibt jedoch beim Menschen selbst.
Deshalb darf ein Therapiekonzept nicht von vornherein bestimmen, dass für jeden Menschen ausschließlich vollständige Abstinenz, kontrollierter Konsum oder eine lebenslange Identität als Süchtiger zulässig sei. Der Alkoholabhängige kann sich für Abstinenz entscheiden oder prüfen wollen, ob kontrolliertes Trinken für ihn möglich ist. Entscheidend ist, dass er seine Entscheidung an seinen tatsächlichen Erfahrungen überprüft und bereit bleibt, sie zu korrigieren. Mündigkeit bedeutet nicht, jede Hoffnung ungeprüft zur Wahrheit zu erklären. Sie bedeutet, selbstständig zu entscheiden und zugleich die Ergebnisse der eigenen Entscheidungen anzuerkennen.
Die Anonymen Alkoholiker können für manche Menschen einen tragfähigen Weg anbieten. Das Bekenntnis zur eigenen Machtlosigkeit, die Orientierung an einer höheren Macht und die Gemeinschaft mit anderen Betroffenen können ihnen helfen. Für andere Menschen ist dieser religiös geprägte Deutungsrahmen jedoch nicht gangbar. Sie möchten ihre Veränderung nicht auf Machtlosigkeit und Unterwerfung, sondern auf Selbstwirksamkeit, Entwicklung und persönliche Verantwortung gründen. Auch dieser Weg muss respektiert werden.
Problematisch wird Suchtbehandlung dort, wo der Mensch lediglich die Unterwerfung unter die Droge gegen die Unterwerfung unter ein Therapiekonzept austauscht. Das Ziel darf nicht darin bestehen, dass der Süchtige lernt, ohne Droge gehorsam zu leben. Er soll lernen, sein Leben selbst zu führen. Ein Therapiekonzept ist deshalb kein Herrschaftssystem, sondern ein vorübergehend nutzbares Werkzeug, über dessen Verwendung der Mensch selbst entscheidet.
Positive Anthropologie – innere Kräfte entwickeln und aus der Abhängigkeit herauswachsen
Der emanzipatorische Ansatz des Vereins für Naturheilkunde in Koblenz e. V. beginnt mit Vertrauen in die Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Der Süchtige besitzt nicht nur Schwächen und Defizite. Er verfügt über Erfahrungen, Verstand, Vorstellungskraft, Verzichtsfähigkeit, Lernfähigkeit und die Möglichkeit, neue innere Kräfte zu entwickeln. Diese Fähigkeiten können verschüttet, widersprüchlich eingesetzt oder in einem bestimmten Lebensbereich unwirksam geworden sein. Sie sind deshalb aber nicht verschwunden.
Die zentrale Botschaft lautet: Du zahlst bereits einen Preis, den du nicht weiter zahlen musst. Du kannst deine bisherige Entwicklung erkennen, aus ihr lernen und eine neue Richtung wählen. Du kannst deine Verzichtsfähigkeit stärken, dein Realitätsprinzip wieder zur Grundlage deiner Entscheidungen machen und Fähigkeiten entwickeln, mit Belastungen anders umzugehen. Der Weg aus einer Abhängigkeit besteht nicht aus einem einzigen heroischen Willensakt. Er entsteht aus vielen verständlichen, überprüfbaren und selbstbestimmten Lernschritten.
Rückschritte widerlegen diese Entwicklungsfähigkeit nicht. Sie liefern neue Informationen darüber, in welchen Situationen das bisherige Vorgehen nicht getragen hat, welche Konflikte noch ungelöst sind und welche zusätzlichen Fähigkeiten benötigt werden. Eine emanzipatorische Behandlung nutzt solche Erfahrungen nicht zur Beschämung. Sie betrachtet sie als Material für weiteres Lernen. Der Mensch darf seine Entscheidungen überprüfen, seine Ziele verändern und seinen Weg neu ausrichten.
Suchtbehandlung wird damit zur Begleitung menschlichen Wachstums. Sie stärkt das Realitätsprinzip, entwickelt die Verzichtsfähigkeit weiter und unterstützt den Menschen dabei, eine Zukunft zu gestalten, die seinen eigenen Werten entspricht. Das Ziel ist nicht ein gehorsamer Patient, sondern ein mündiger Mensch, der seine Freiheit zurückgewinnt und sie verantwortlich nutzt.
Über den Autor
Das inhaltliche Konzept dieser Webseite wurde von dem Koblenzer Suchtpädagogen und Heilpraktiker T. M. Hamacher M.A. entwickelt. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Menschen innere Konflikte verstehen, ihre persönlichen Fähigkeiten entwickeln und ihr Leben selbstbestimmt verändern können.
Informationen zu seiner therapeutischen Arbeit finden Sie auf der Webseite der Heilpraxis Hamacher.
Herausgeber von süchte-überwinden.de ist der Verein für Naturheilkunde in Koblenz e. V.